Iran 07 – Bam

Tag 7: Ausflug nach Bam

Das Frühstück im Hotel Akhavan unterscheidet sich kaum von denen der bisherigen Hotels, außer dass es statt des sonst üblichen Buffets hier am Tisch serviert wird und sich zum Standardfrühstück aus Fladenbrot, Marmelade, Frischkäse und Tee hier auch noch ein Spiegelei dazugesellt.

Obwohl es gestern abend wieder einmal sehr spät geworden ist, sind wir auch heute wieder früh aufgestanden, denn heute steht das eigentliche Ziel dieser Provinz auf dem Plan: Bam, die 642 aus einer Oase gegründete Stadt, die seit 2004 von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt und zugleich auf die Rote Liste des gefährdeten Welterbes gesetzt wurde, nachdem die bis dahin sehr gut erhaltene Stadt aus Lehmziegeln durch zwei heftige Erdbeben im Dezember 2003 und Juli 2004 nahezu vollständig zerstört wurde.

Über den sehr netten und hilfsbereiten Hoteleigentümer, der dieses Hotel bereits in dritter Generation betreibt, deutsch spricht und immer für ein Pläuschchen zu haben ist, ist flugs ein Ausflugspaket zusammengestellt, für das wir uns auf einen Preis von 40 EUR pro Nase einigen. Ein Telefonat, und nach wenigen Augenblicken steht unser Fahrer mit seinem Taxi bereits vor unserer Tür.

Wir beginnen unseren Ausflug mit einer Fahrt durch die eher unscheinbare Stadt Kerman mit einem Stopp und Spaziergang über den alten Basar, der die bedeutendste Sehenswürdigkeit der Stadt ist. Im Vergleich zu den alten Basaren von Isfahan oder Kashan wirkt aber auch dieser Basar eher klein und schmucklos. Während wir eine kurze Runde durch die Arkaden schlendern, tauscht unser Fahrer sein Taxi aus – bei unserer Rückkehr erwartet uns nun stattdessen vor dem Ausgang seine alte Gurke von Privatwagen. Englisch spricht unser Fahrer übrigens ebenfalls so gut wie gar nicht, was Fragen zu den im Laufe des Tages besuchten Sehenswürdigkeiten überflüssig macht.

Etwa 30 km außerhalb von Kerman kommen wir nach Mahan, wo sich eine schöne Sufi-Grabanlage befindet, deren Besichtigung wirklich lohnenswert ist. Zu Ehren des 1431 gestorbenen Schah Nimatullah Vali, dem Begründer des schiitischen Sufi-Ordens „Niʿmatullāhīya“, wurde hier 1437 eine wunderschöne Anlage errichtet, in dem der Sarkophag des Meisters aufgestellt wurde. Die türkisfarbene Kuppel und die Minarette dieses superschönen Schreins, der beeindruckende Meditationsraum sowie die parkähnliche Anlage drumherum machen einen Besuch in der Tat absolut lohnenswert! Im Inneren der Grabanlage treffen wir auf zahlreiche Einheimische, die hier ihre Mittagspause verbringen, gemeinsam essen oder einfach nur ein Nickerchen machen. Gerade wollen wir den Schrein wieder verlassen, als uns eine sehr nette junge iranische Architektin anspricht. In sehr gutem Englisch erklärt sie uns ausführlich die Hintergründe des Tempels und gibt uns zum Abschluss noch ein paar Tipps zu weiteren Sehenswürdigkeiten in der näheren Umgebung, bevor auch sie wieder aus ihrer Mittagspause zurück zur Arbeit gehen muss – und wieder sind wir beeindruckt von der Gastfreundlichkeit der Iraner! Dass jemand seine Mittagspause opfert, um ein paar fremde Touristen durch die Anlage zu führen, ist nicht überall selbstverständlich…

Um das Jahr 1850 ließ der Kadscharenprinz Mohammad Hasan Khan Katschar Sardari Iravani an einer Wüstenoase südöstlich von Kerman eine große Gartenanlage samt Schloss als Sommerresidenz errichten. Heute ist dieser Prinzengarten, der aus mehreren Terrassen besteht und mit Wasserläufen durchzogen ist, der zweite Stopp unserer Tour. Es ist nicht unbedingt die schönste Gartenanlage, die wir auf unserer Reise quer durch den Iran kennenlernen, aber die ummauerte grüne und dichtbewachsene Oase inmitten der ansonsten eher trockenen Wüstengegend ist dennoch ein schöner und entspannter Ort. Da sich zur Zeit nicht besonders viele Touristen hierher verirren, fallen wir natürlich wieder auf wie bunte Hunde und lächeln brav in diverse Handykameras, die sich für Gruppenshootings und gemeinsame Selfies auf uns richten.

Etwa 100 km südöstlich von Kerman gelangen wir zum Rayen Castle oder auch Arg-e-Rayen, einer sich auf 20.000 Quadratmeter erstreckenden Festung, die auf die Zeit des Nassanidenreichs (224-649 n. Chr.) zurückgeht. Im Gegensatz zum ungleich bekannteren Weltkulturerbe, der Zitadelle von Bam, hat diese Festungsanlage die großen Erdbeben von 2003 und 2004 weitgehend schadlos überstanden. Die Größe der inneren Festungsanlagen mit den vielen gut erhaltenen Lehmbauten ist sehr beeindruckend, auch wenn im hinteren Teil des Areals einige Herrschaftsgebäude restauriert wurden und die vielen dort neu verlegten Stromleitungen und Lampen das altertümliche Flair ein wenig trüben. Noch beeindruckender ist allerdings für uns, dass wir auf diesem riesigen Gelände völlig allein sind! Außer dem Ticketverkäufer, dem wir vermutlich heute die ersten Eintrittskarten für 200.000 Rial pro Person abgekauft haben und der nun auf dem Holzstuhl in seiner kleinen Butze am Eingangstor ein Nickerchen hält, sehen wir während unseres gut einstündigen Besuches keine weitere Menschenseele.

Arg-e-Rayen

Als vierter Stopp steht nun das Highlight und eigentliche Ziel unserer Tour auf dem Programm: die Zitadelle von Bam. Auch hier ist der riesige Parkplatz leergefegt, und im Inneren der Anlage treffen wir neben ein paar Wachleuten gerade einmal zwei vereinzelte Besucher, die zufällig beide aus Belutschi stammen. Eine Souvenirverkäuferin, die in einem alten Gebäude dieser Anlage einen Shop betreibt, sieht uns aus der Ferne kommen und stellt sogleich ihre Werbeschilder nach draußen. Heute haben wir allerdings keine Lust zu shoppen, sorry.

Kennt man die früheren Fotos von Bam, so könnten einem beim heutigen Besuch die Tränen in die Augen steigen. Fast 1400 Jahre hat diese in einer Oase gegründete Festungsanlage diversen Schlachten und Besatzungen verschiedener Völker getrotzt, bis sie von zwei aufeinanderfolgenden Erdbeben am 26.12.2003 und 21.07.2004 nahezu vollständig dem Erdboden gleich gemacht wurde. Auch in der angrenzenden modernen Stadt Bam sind die Schäden bis heute weithin sichtbar: Viele Häuserzeilen weisen riesige Lücken auf, die Häuser, die noch stehen, müssen mit Stahlträgern abgestützt vor dem unweigerlichen Kollaps gerettet werden. 70% der bewohnten Stadt wurden zerstört, insgesamt sollen bis zu 43.000 Menschen gestorben und weitere 30.000 verletzt worden sein – unglaublich, die Gewalt der Natur! Ein Spaziergang durch die Zitadelle lässt heute nur noch erahnen, wie diese vor den Erdbeben ausgesehen haben könnte. Die malerische Festung am Berghang kann wegen der großen Einsturzgefahr von Touristen nicht mehr bestiegen werden. Zwar ist man bereits dabei, Teile dieses Weltkulturerbes mithilfe von 1,1 Milliarden USD der UNESCO peu-à-peu wiederaufzubauen, allerdings sehen diese neuen Gebäude eben auch neu aus. Angesichts der zerstörten und im Gegensatz zur Zitadelle eben auch bewohnten Stadt Bam drängt sich uns die Frage auf, ob es tatsächlich sinnvoll ist, so viel Geld in die Restaurierung von alten Ruinen zu stecken, wenn gleichzeitig die bewohnte Stadt nebenan diese Hilfe zum Wiederaufbau viel nötiger hätte – bzw. die in ihr lebenden Familien, die sicher nicht zu den sozial privilegierten Schichten der Gesellschaft gehören…

Auf dem Rückweg nach Kerman machen wir noch einen weiteren Halt bei den sog. „coloured mountains“, einer Bergformation, die in verschiedenen Farben leuchtet und gerade im Sonnenuntergang ein supertolles Fotomotiv abgibt! Wir sind gerade noch rechtzeitig hier, schon 10 Minuten später verschwindet die Sonne hinter einem Bergkamm, und das phänomenale Naturschauspiel mit den Farben ist vorbei.

Gegen 20:00 Uhr trudeln wir wieder in unserem Hotel ein. Da wir in der Umgebung von Kerman nun eigentlich alles gesehen haben, beschließen wir, keine weitere Nacht hier zu verbringen und stattdessen um 23:30 Uhr den Nachtbus nach Shiraz zu nehmen. Über den netten Hotelrezeptionisten reservieren wir unsere Bustickets für 340.000 Rial pro Person telefonisch, bevor wir uns im hoteleigenen Restaurant für die anstehende Busfahrt stärken, und hierbei noch in eine interessante Konversation mit einem Deutschen geraten, der mit einer Iranerin verheiratet ist, sich aber wegen akuter Eheprobleme vorübergehend im Hotel einquartiert hat.

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